Bedarfsplanung ohne Fachchinesisch
Bedarfsplanung klärt, was ein Gebäude können muss, bevor darüber gesprochen wird, wie es aussieht. DIN 18205 beschreibt dafür ein geordnetes Vorgehen. Zuerst wird die Ausgangslage des Projekts geklärt, dann werden die Ziele festgelegt, danach werden Informationen gesammelt und bewertet, und am Ende steht ein Bedarfsplan, gegen den sich spätere Entwürfe prüfen lassen. Der Begriff Bedarf meint dabei schlicht das, was gebraucht wird, um die beabsichtigte Nutzung zu ermöglichen.
Für die Elektrotechnik ist das weniger abstrakt, als es klingt. Die richtige Frage an den Nutzer lautet, was in einem Raum passieren soll. Aus der Antwort ergibt sich die Zahl der Steckdosen fast von selbst. Wer dagegen direkt nach der Steckdosenzahl fragt, ohne die Nutzung zu kennen, landet regelmäßig bei Standardlösungen, die am Bedarf vorbeigehen.
Welche Angaben die Elektroplanung wirklich braucht
Nutzer und Betreiber wissen fast immer, wie sie arbeiten werden. Sie wissen nur selten, welche dieser Information für die Technik entscheidend ist. Deshalb lohnt es sich, gezielt zu fragen, und zwar in der Sprache des Nutzers statt in der des Planers.
| Was der Nutzer weiß | Wonach gefragt wird | Was davon abhängt |
| Wer wo arbeitet | Anzahl der Arbeitsplätze je Raum, Schichtbetrieb, Besprechungs- und Besucherflächen | Beleuchtungskonzept, Steckdosenzahl, Datenanschlüsse, Zonierung der Steuerung |
| Welche Geräte betrieben werden | Geräteliste mit Leistung, Anschlussart und Gleichzeitigkeit, Sonderverbraucher | Leistungsbilanz, Verteilungsstruktur, Netzanschluss |
| Was nicht ausfallen darf | Server, Kühlung, Produktion, medizinische Geräte, zulässige Ausfallzeiten | Ersatzstromversorgung, unterbrechungsfreie Versorgung, Redundanz |
| Wer Zutritt bekommt | Zutrittsbereiche, Schließkonzept, Videoüberwachung, Besucherführung | Sicherheitstechnik, Türsteuerung, Verkabelung und Schnittstellen |
| Was sich ändern wird | Geplante Erweiterungen, wechselnde Mieter, Elektrifizierung von Fuhrpark oder Heizung | Reserven in Verteilungen und Trassen, Dimensionierung des Hausanschlusses |
| Wer die Anlage betreibt | Eigenes Personal oder Dienstleister, vorhandene Systeme im Bestand | Wartungskonzept, Produktauswahl, Umfang der Dokumentation |
Besonders wertvoll sind Angaben zu Dingen, die sich ändern werden. Eine Erweiterung der Produktion in drei Jahren, der schrittweise Aufbau von Ladepunkten auf dem Hof oder der geplante Umstieg auf eine Wärmepumpe verändern die Leistungsbilanz erheblich. Wer sie früh kennt, legt Trassen, Verteilungen und Hausanschluss einmal richtig aus und spart den zweiten Netzanschluss.
Fehlen Angaben zu diesem Zeitpunkt noch, gehört die getroffene Annahme schriftlich festgehalten. Dann ist später nachvollziehbar, auf welcher Grundlage geplant wurde, und eine Abweichung lässt sich als Änderung behandeln statt als Planungsfehler.
Wann ein technisches Raumbuch Nutzen bringt
Ein Raumbuch erfasst für jeden Raum, was dort gefordert ist. Der technische Teil enthält die Anforderungen der Gebäudetechnik, also Beleuchtungsstärke, Anzahl und Art der Anschlüsse, Datenpunkte, Sicherheits- und Meldetechnik, Anforderungen an Raumklima und Steuerung. Daraus entsteht eine gemeinsame Grundlage für Bauherr, Architekt, Fachplaner und Nutzer, die jederzeit nachvollziehbar macht, warum ein Raum so geplant wurde.
Sinnvoll ist das Raumbuch, wenn viele Räume mit unterschiedlichen Anforderungen zusammenkommen, etwa in Schulen, Laboren, Pflegeeinrichtungen, Hotels oder Verwaltungsgebäuden. Es lohnt sich ebenso, wenn mehrere Nutzer oder Abteilungen beteiligt sind und ihre Wünsche sonst über Einzelgespräche und Mails verteilt bleiben, wenn ein Projekt in Abschnitten gebaut wird, oder wenn ein Betreiber einheitliche Standards über mehrere Liegenschaften hinweg einhalten will. Bei einem Bürogebäude mit wenigen, gleichartigen Raumtypen genügt dagegen oft eine Beschreibung der Ausstattungsstandards je Raumtyp.
Ein Raumbuch wirkt nur, wenn es gepflegt wird. Es braucht einen Verantwortlichen, einen festen Stand zu jeder Leistungsphase und eine klare Regel, wer Änderungen einträgt. Ein Raumbuch, das nach der Vorplanung nicht mehr angefasst wird, erzeugt falsche Sicherheit, weil alle Beteiligten sich darauf berufen, während die Planung längst weitergelaufen ist.
Was später nachgereichte Anforderungen kosten
Kommen Nutzeranforderungen erst in der Ausführungsplanung, entsteht Mehrarbeit an mehreren Stellen gleichzeitig. Berechnungen werden wiederholt, Pläne überarbeitet, Mengen und Kostenberechnung stimmen nicht mehr, und Abstimmungen mit anderen Gewerken beginnen von vorn. Die HOAI sieht für solche Fälle vor, dass Änderungen des Leistungsumfangs nach Auftragserteilung eine Anpassung des Honorars nach sich ziehen. Der Bauherr zahlt diese Schleife also zweimal, einmal in der Planung und oft ein zweites Mal in der Ausführung. Eine früh geführte Bedarfsklärung ist dagegen vergleichsweise günstig. Hinzu kommt der Termindruck, weil Nachträge im laufenden Bau mehrere Gewerke gleichzeitig aufhalten und Lieferzeiten für Verteilungen oder Transformatoren nicht beliebig verkürzbar sind.
Fazit
Bedarfsplanung und technisches Raumbuch sind die Vorarbeit, die später niemand sieht, deren Fehlen aber jeder merkt. Weil die HOAI beides als Besondere Leistung einordnet, gehören sie zu Projektbeginn in den Vertrag, mit klarem Umfang und benannten Verantwortlichkeiten. Wer Nutzer und Betreiber früh an den Tisch holt, plant einmal statt zweimal. IET-Berlin erarbeitet technische Anforderungen gemeinsam mit Bauherren und Nutzern, bevor die Elektroplanung in die Umsetzung geht.

